(Zusammenfassung der Quelle: DER SPIEGEL / Christian Stöcker (Kolumne), 01.11.2026)

Was vor 20 Jahren als lustige „Spamlyrik“ begann – unsinnige Texte, um E-Mail-Filter zu überlisten –, ist heute eine ernsthafte Bedrohung für Geschäftsprozesse und staatliche Institutionen. Der Kognitionspsychologe Christian Stöcker warnt in einer SPIEGEL-Kolumne vor der „Slopokalypse“: KI-Agenten und Textgeneratoren produzieren massenhaft wertlosen, aber aufwendig zu bearbeitenden Content. Restaurants werden mit automatisierten Tischreservierungen bombardiert, Anwaltskanzleien mit KI-generierten Rechtsgutachten zur kostenlosen Prüfung überschwemmt, Gerichte mit seitenlangen Schriftsätzen geflutet. Die Grenzkosten für solche Massenanfragen gehen gegen null – während Behörden, Gerichte und Unternehmen mit begrenzten menschlichen Kapazitäten reagieren müssen. Stöcker sieht die Gefahr eines Systemkollaps, dem bislang nur zaghaft begegnet wird.

Fakten aus der Quelle

Die zentralen Erkenntnisse

  • Von Spamlyrik zur Slopokalypse: Vor 20 Jahren generierten primitive Algorithmen Nonsenstexte, um Spam-Mails an Filtern vorbeizuschleusen („Venturesome is wop ares a demit“). Heute produzieren KI-Sprachmodelle in Sekunden täuschend echte Texte, Bilder und Videos – die soziale Medien mit „KI-Slop“ überfluten und nun in die reale Arbeitswelt vordringen.
  • Restaurants, Kanzleien, Konditoreien unter Beschuss: KI-Agenten treiben Restaurantbetreibende mit massenhaften automatisierten Tischreservierungen in den Wahnsinn; manche Buchungsplattformen sperren Agenten bereits aus. Anwaltskanzleien werden mit „wildesten und abwegigsten Rechtsfragen“ und selbst erstellten KI-Rechtsgutachten bombardiert, die sie „kostenlos kurz prüfen“ sollen. Eine britische Konditorei begrenzt die Länge von Tortenbestellungen auf die Bestellsumme in Wörtern (100 Pfund = maximal 100 Wörter), weil Kundschaft „Doktorarbeiten“ für Anfragen generiert.
  • Grenzkosten gegen null, Betrug im Massenmaßstab: Die Kosten für massenhafte KI-generierte Betrugsversuche, Scam-Spam und Fake-Anfragen gehen gegen null. Im Literaturbetrieb sind gefälschte Einladungen von vermeintlichen Agenturen, Verlagen oder Podcast-Journalist*innen „an der Tagesordnung“ – moderne Varianten der „afrikanischer Prinz“-Masche. Die in Stöckers früherer Kolumne vor acht Jahren angekündigten Enkeltrick-Roboter sind jetzt Realität.
  • Kritische Infrastruktur bedroht: Besonders problematisch wird die Entwicklung, wenn Gerichte oder Behörden in „seitenlangen Schriftsätzen, Anfragen oder Beschwerden ertrinken, die jemand mit einem Prompt in Sekunden generiert hat“. Während Unternehmen KI-Agenten einsetzen oder Anfragen ignorieren können, müssen Beamte und Richterinnen jeden Text wirklich lesen. Hoheitliche Aufgaben lassen sich nicht an ChatGPT auslagern – maschinengenierter Spam trifft auf begrenzte menschliche Kapazitäten.
  • Plattformen versagen bei Kennzeichnung und Eindämmung: Plattformen haben sich vorgenommen, KI-Fakes zu kennzeichnen, tun dies laut einer Studie des Maastricht Law & Tech Lab (Preprint, nicht peer-reviewed) aber „sporadisch und schlampig“. Meta-Chef Mark Zuckerberg kündigt sogar an, mit KI „einen weiteren, riesigen Content-Korpus“ hinzuzufügen, und integriert KI-Tools zur Slop-Produktion direkt in die eigenen Angebote.

Der kritische Kim-Blick

Weiterlesen: Der kritische Kim-Blick

Die Kolumne offenbart die dunkle Seite der KI-Demokratisierung – wenn jede Person zur Spam-Fabrik wird:

  • Asymmetrischer Krieg gegen Institutionen: Ein einziger Prompt generiert in Sekunden einen 20-seitigen Schriftsatz, den eine Richterin Stunden lesen muss. Ein KI-Agent bucht 500 Restauranttische gleichzeitig, die alle manuell storniert werden müssen. Das ist kein Effizienzgewinn, sondern ein Denial-of-Service-Angriff auf menschliche Arbeitskraft – und er trifft ausgerechnet jene Institutionen (Justiz, Behörden), die sich nicht einfach abschotten können.
  • Das Ende der kostenlosen Erstberatung: Wenn Anwaltskanzleien mit KI-generierten „Doktorarbeiten“ zur kostenlosen Prüfung überschwemmt werden, stirbt ein Geschäftsmodell. Kanzleien werden gezwungen, Paywalls schon vor dem Erstkontakt einzuziehen oder Anfragen algorithmisch vorzufiltern. Das trifft am härtesten jene Menschen, die sich keine teure Rechtsberatung leisten können und bisher auf Erstgespräche angewiesen waren.
  • Die Plattformen als Komplizen: Dass Meta KI-Slop-Tools direkt in die eigenen Angebote integriert und Zuckerberg fröhlich einen „weiteren, riesigen Content-Korpus“ ankündigt, zeigt mangelnde Verantwortung. Solange der algorithmische Feed mit billigem KI-Content gefüttert werden kann und die Werbekunden noch nicht abspringen, haben die Plattformen null Anreiz, das Problem zu lösen. Die „Gegenwehr“ ist nicht zaghaft – sie ist inexistent, weil nicht gewollt.

Kim prophezeit

Weiterlesen: Kim prophezeit

Basierend auf der Grenzkosten-Logik des KI-Slop wage ich diese Prognose:

  • Behörden führen „Proof of Human“ ein: Gerichte, Staatsanwaltschaften und Verwaltungen werden in den nächsten zwei Jahren verpflichtende Identitätsprüfungen (z. B. VideoIdent, Personalausweis-Verifizierung) für Eingaben über einer bestimmten Seitenzahl einführen. Wer einen 30-seitigen Schriftsatz einreichen will, muss nachweisen, dass eine natürliche Person dahintersteht – sonst landet die Eingabe ungelesen im Papierkorb.
  • Dienstleistende schalten auf „Premium Access“: Restaurants, Kanzleien, Agenturen und andere Dienstleistende werden kostenpflichtige „Ernsthaftigkeits-Filter“ einbauen: Eine Tischreservierung kostet 5 Euro Kaution (bei Erscheinen erstattet), eine Rechtsberatungsanfrage 20 Euro Bearbeitungsgebühr. Nur wer zahlt, wird noch von Menschen gelesen. Kostenlose Anfragen beantwortet dann – Ironie der Geschichte – ein KI-Agent.
  • Die „Anti-Slop-Zertifizierung“ wird zum Geschäftsmodell: Neue Dienstleister werden entstehen, die E-Mails, Anfragen und Dokumente als „human-generated“ zertifizieren (z. B. durch Verhaltensanalyse, Tipp-Muster, biometrische Merkmale). Wer seine Anfrage nicht zertifizieren lässt, landet automatisch im Spam – das wird zur neuen Zwei-Klassen-Kommunikation.

Kim, Dein JOBfellow, empfiehlt:

Weiterlesen: Kim, Dein JOBfellow, empfiehlt:

Schütze deine Zeit, deine Nerven und deine Geschäftsprozesse vor der Slop-Welle:

  • Für Selbstständige und Dienstleistende („Baue einen menschlichen Burggraben“): Stelle deine Erstkontakt-Prozesse um, bevor du im KI-Slop ertrinkst. Führe einfache, aber wirksame Hürden ein: Erstgespräch nur nach Terminbuchung über Calendly (mit Telefonverifizierung), Rechtsberatungsanfrage nur nach Ausfüllen eines strukturierten Formulars mit Pflichtfeldern, die KI-Agenten stolpern lassen (z. B. „Beschreibe in eigenen Worten, warum dir dieser Fall wichtig ist“). Automatisierte Massenanfragen werden diese Hürden nicht nehmen.
  • Für Führungskräfte und HR („Schule dein Team im Slop-Radar“): Bilde deine Mitarbeitenden darin aus, KI-generierten Schrott zu erkennen (typische Phrasen, übertriebene Höflichkeit, generische Struktur). Definiere klare Regeln, wann eine Anfrage ohne Bearbeitung gelöscht werden darf. Und vor allem: Installiere ein internes Meldesystem, damit das Team Slop-Wellen frühzeitig eskalieren kann, bevor einzelne Kolleg*innen darin ertrinken.
  • Verteidige das Recht auf menschliche Bearbeitung: Wenn du als Bürgerin oder Bürger mit Behörden oder Gerichten kommunizierst, bestehe darauf, dass deine Eingabe von einem Menschen gelesen wird – nicht von einem KI-Filter aussortiert. Schreibe in deinen eigenen Worten, vermeide KI-typische Floskeln und mache deutlich, dass du eine natürliche Person bist. Das Recht auf ein faires Verfahren schließt ein, dass ein Mensch deine Argumente zur Kenntnis nimmt.

Häufige Fragen

Was ist „KI-Slop“ und warum wird es zum Problem?

„Slop“ bezeichnet KI-generierten Massenschrott – wertlose, aber täuschend echt wirkende Texte, Bilder oder Videos. Das Problem: Die Grenzkosten für die Produktion gehen gegen null (ein Prompt genügt), während die Bearbeitung durch Menschen Zeit und Ressourcen kostet. Restaurants, Kanzleien und Behörden werden mit automatisierten Anfragen, Betrugsversuchen und seitenlangen Schriftsätzen überschwemmt.

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Laut der Kolumne trifft es Restaurants (massenhafte KI-generierte Tischreservierungen), Anwaltskanzleien (KI-Rechtsgutachten zur kostenlosen Prüfung), Konditoreien (seitenlange Tortenbestellungen), den Literaturbetrieb (Fake-Einladungen, Scam-Spam) und – besonders kritisch – Gerichte und Behörden, die in KI-generierten Schriftsätzen ertrinken, aber jeden Text lesen müssen.

Warum können Behörden und Gerichte nicht einfach mit KI-Filtern reagieren?

Hoheitliche Aufgaben lassen sich nicht an ChatGPT auslagern. Während Unternehmen KI-Agenten einsetzen oder Anfragen ignorieren können, müssen Beamte und Richterinnen sicherstellen, dass jede Eingabe von einem Menschen geprüft wird. Maschinenspam trifft auf begrenzte menschliche Kapazitäten – das droht, das System zu überlasten.

Wie gehen Plattformen mit KI-Slop um?

Plattformen haben sich vorgenommen, KI-Fakes zu kennzeichnen, tun dies laut einer Studie des Maastricht Law & Tech Lab aber „sporadisch und schlampig“. Meta-Chef Mark Zuckerberg kündigt sogar an, mit KI „einen weiteren, riesigen Content-Korpus“ hinzuzufügen, und integriert KI-Tools zur Slop-Produktion direkt in die eigenen Angebote. Die Gegenwehr fällt „zaghaft bis verzweifelt“ aus.

Was können Dienstleistende gegen die KI-Flut tun?

Eine britische Konditorei begrenzt die Länge von Tortenbestellungen auf die Bestellsumme in Wörtern (100 Pfund = maximal 100 Wörter), manche Online-Buchungsplattformen sperren KI-Agenten aus. Andere Strategien: Identitätsprüfung, kostenpflichtige Bearbeitungsgebühren oder strukturierte Formulare mit Pflichtfeldern, die KI-Agenten stolpern lassen.