Worst-Case-Szenario von vier berechneten Zukunftsmodellen · Quelle: Studie TH Köln/Universität Tallinn, 2026
(Zusammenfassung der Quelle: Merkur / Redaktion (Artikel über Studie der TH Köln und Universität Tallinn), 23.10.2026)
Während in vielen Branchen noch über die möglichen Auswirkungen von KI debattiert wird, steht die Medienbranche bereits vor einem tiefgreifenden Umbruch. Eine auf den Münchner Medientagen vorgestellte Studie der Technischen Hochschule Köln und der Universität Tallinn im Auftrag von drei öffentlich-rechtlichen Sendern kommt zu einem deutlichen Ergebnis: Bis 2035 könnte jeder zweite professionelle Job im Journalismus in Deutschland verschwinden – von heute 40.000 auf nur noch 20.000 Fachkräfte. Die Studie basiert allerdings auf Daten von 2023 – zum Zeitpunkt dieses Beitrags also fast drei Jahre alt. Verantwortlich für den prognostizierten Rückgang sind zwei Faktoren: KI-Automatisierung und die wachsende Marktmacht internationaler Tech-Plattformen, die zunehmend kontrollieren, welche Nachrichten das Publikum erreicht. Die Forschenden befragten Fachleute aus Medienpolitik, Wissenschaft und Produktion und berechneten vier Zukunftsszenarien – in allen sinkt die Zahl der Redaktionsarbeitsplätze, im schlimmsten Fall halbiert sie sich.
Fakten aus der Quelle
Die zentralen Erkenntnisse
- 50 Prozent weniger Jobs im Worst-Case-Szenario: In einem von vier berechneten Zukunftsszenarien sinkt die Zahl der Redaktionsarbeitsplätze innerhalb der kommenden zehn Jahre um genau 50 Prozent. Von den 2023 gezählten 40.000 Stellen im Journalismus würden 2035 nur noch etwa 20.000 Fachkräfte in den Redaktionen arbeiten.
- Marktanteil bricht um bis zu 47 Prozent ein: Die Forschenden prognostizieren in allen untersuchten Modellen einen Rückgang der Radionutzung, der Zeitungslektüre und der digitalen Medienangebote. Der Marktanteil heimischer Medien könnte um bis zu 47 Prozent einbrechen, während große Technologiekonzerne zunehmend bestimmen, welche Nachrichten und Videos die Öffentlichkeit erreicht.
- Einnahmen schrumpfen um bis zu 43 Prozent: Die Einnahmen aus Werbung und kostenpflichtigen Inhalten drohen laut den Berechnungen um bis zu 43 Prozent zu schrumpfen. Dies untergräbt die finanzielle Basis insbesondere des Lokaljournalismus und erschwert den direkten Kontakt zwischen Verlagen und Lesenden erheblich.
- Konjunktur derzeit wichtiger als KI: Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stellt fest, dass der Einsatz von Algorithmen bisher nicht zu einem flächendeckenden Einbruch der Beschäftigung in betroffenen Berufsfeldern geführt hat. Schwache konjunkturelle Entwicklungen haben derzeit einen größeren Einfluss auf Stellenabbau als die reine Automatisierung.
- Gegensteuern ist möglich: Die Forschenden betonen, dass der Verlust von Arbeitsplätzen keine unausweichliche Entwicklung darstellt. Durch gezielte medienpolitische Entscheidungen, verstärkte Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Rundfunkanstalten, dauerhafte Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und rechtliche Vorgaben gegen Monopolbildung großer Online-Plattformen kann dem negativen Trend wirksam entgegengetreten werden.
Der kritische Kim-Blick
Die Studie entlarvt die Doppelkrise des Journalismus: technologische Disruption trifft auf Plattform-Monopole.
- Die Daten sind bereits veraltet: Die Studie basiert auf dem Stand von 2023, also vor dem Durchbruch hochleistungsfähiger KI-Agenten (2024/2025) und Multi-Agenten-Systeme. Seitdem hat sich die KI-Landschaft dramatisch verschärft: Agenten können heute bereits eigenständig recherchieren, Inhalte erstellen und distributieren. Ob die Szenarien die heutige KI-Entwicklung noch abbilden, ist offen – die Veränderung könnte schneller verlaufen als damals angenommen.
- Das Plattform-Problem ist gefährlicher als KI: Die Studie zeigt, dass nicht nur KI-Automatisierung Jobs bedroht, sondern vor allem die Kontrollmacht der Tech-Giganten über die Distribution. Wenn Google, Meta und Co. bestimmen, welche Nachrichten Menschen erreichen, verlieren traditionelle Medien nicht nur Werbeeinnahmen (minus 43 Prozent), sondern auch die direkte Beziehung zu ihrer Zielgruppe – und damit jede Verhandlungsmacht.
- Konjunktur ist nur die halbe Erklärung: Dass laut IAB die Konjunktur derzeit stärker wirkt als KI, ist ein schwacher Trost. Es beschreibt nur den Status quo, nicht den Trend. Die Studie warnt ausdrücklich vor den langfristigen Folgen – und die sind in drei Jahren näher als 2035. Wer jetzt auf „Konjunktur-Erholung" hofft, verschläft die strukturelle Transformation.
Kim prophezeit
Basierend auf der möglichen Halbierung der Jobs im Journalismus wage ich diese Prognose:
- Lokaljournalismus wird zum Ehrenamt: Da Lokalnachrichten für Tech-Plattformen nicht skalierbar und damit uninteressant sind, werden bis 2030 die meisten Lokalredaktionen in Klein- und Mittelstädten geschlossen. Lokaljournalismus wird von ehrenamtlichen Freiwilligen, Bürgerinitiativen und pensionierten Journalist*innen aufrechterhalten – ohne professionelle Standards.
- Der „Content Verification Officer" entsteht: Die verbleibenden professionellen Journalist*innen werden nicht mehr selbst recherchieren oder schreiben, sondern fast ausschließlich KI-generierte Inhalte auf Fakten, Quellen und rechtliche Risiken prüfen. Dieser neue Berufstyp wird zwischen Redaktion, Legal und Tech angesiedelt sein.
- Plattform-Regulierung kommt zu spät: Obwohl die Studie rechtliche Vorgaben gegen Monopolbildung fordert, wird die EU-Gesetzgebung frühestens 2028/2029 greifen – zu spät für Tausende bereits verschwundene Redaktionsstellen. Die Medienlandschaft wird dann irreversibel fragmentiert sein: ein öffentlich-rechtlicher Kern, wenige überlebende Premium-Marken und ein Meer aus KI-Content-Farmen.
Kim, Dein JOBfellow, empfiehlt:
Ob du in der Medienbranche arbeitest oder nicht – diese Entwicklung betrifft die gesamte Gesellschaft.
- Für Journalist*innen („Werde unverzichtbar"): Spezialisiere dich radikal auf Formate, die KI nicht replizieren kann: investigative Recherche mit menschlichen Quellen, Live-Berichterstattung, persönliche Kolumnen mit unverwechselbarer Stimme oder komplexe Datenanalysen, die Kontext und Ethik erfordern. Standard-Nachrichtentexte und SEO-Content werden automatisiert – deine Zukunft liegt in dem, was nur du liefern kannst.
- Für Medienunternehmen („Raus aus der Plattform-Falle"): Hört auf, eure Inhalte kostenlos an Meta, Google und Co. zu liefern, in der Hoffnung auf Reichweite. Baut stattdessen eigene Communities (Newsletter, Memberships, Events) auf, die den direkten Kontakt zu eurer Zielgruppe wiederherstellen. Jeder Euro, den ihr in Social-Media-Traffic investiert, finanziert euren eigenen Untergang.
- Erkenne den demokratischen Schaden: Wenn Tech-Plattformen kontrollieren, welche Nachrichten du siehst, und Lokaljournalismus verschwindet, erodiert die Informationsbasis der Demokratie. Unterstütze aktiv unabhängige Medien durch Abos oder Spenden – nicht aus Mitleid, sondern weil du auf verlässliche, professionelle Berichterstattung angewiesen bist, die nicht von Algorithmen kuratiert wird.
Häufige Fragen
Warum droht der Journalismus bis 2035 die Hälfte aller Jobs zu verlieren?
Eine Studie der TH Köln und Universität Tallinn prognostiziert im schlimmsten von vier Szenarien einen Rückgang von 40.000 auf 20.000 professionelle Jobs im Journalismus. Hauptursachen sind KI-Automatisierung und die Marktmacht internationaler Tech-Plattformen, die den Marktanteil heimischer Medien um bis zu 47 Prozent und die Einnahmen um bis zu 43 Prozent schrumpfen lassen könnten.
Wie beeinflussen Tech-Plattformen die Medienbranche konkret?
Große Technologiekonzerne wie Google und Meta bestimmen zunehmend, welche Nachrichten und Videos die Öffentlichkeit erreicht. Das unterbricht den direkten Kontakt zwischen Verlagen und Lesenden und entzieht den Medien Werbeeinnahmen sowie die Kontrolle über ihre Zielgruppe.
Ist der Jobabbau wirklich durch KI verursacht oder eher durch die Konjunktur?
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stellt fest, dass schwache konjunkturelle Entwicklungen derzeit einen größeren Einfluss auf Stellenabbau haben als die reine Automatisierung. Die Forschenden warnen jedoch ausdrücklich vor den langfristigen Folgen der KI-Entwicklung und der Plattform-Kontrolle.
Kann die Politik den Jobabbau in den Medien noch verhindern?
Ja, laut Studie ist der Verlust von Arbeitsplätzen nicht unausweichlich. Gefordert werden gezielte medienpolitische Entscheidungen, eine dauerhafte Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, verstärkte Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Rundfunkanstalten sowie rechtliche Vorgaben gegen Monopolbildung großer Online-Plattformen.
Auf welchen Daten basiert die Prognose?
Die Studie wurde auf den Münchner Medientagen 2026 vorgestellt und basiert auf Daten von 2023. Die Forschenden befragten Fachleute aus Medienpolitik, Wissenschaft und Produktion und berechneten vier verschiedene Zukunftsszenarien für die Entwicklung bis 2035.